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Die Deutschordensschwestern zu Passau – Verkörperung gelebter Nächstenliebe

Selbstständiges Haus der Deutschordensschwestern Passau – 9. August 2026

 

1. Kloster St. Nikola zu Passau, Mutterhaus der Deutschordensschwestern – ein historischer Überblick

 

Zwischen den Jahren 1067 und 1072 – die vorliegenden Quellen lassen eine nähere Eingrenzung nicht zu – wurde auf Grund einer Initiative Bischof Altmanns von Passau das Kloster St. Nikola gestiftet. Der Gründungsvorgang fand somit in einer Phase der mittelalterlichen Kirchenpolitik statt, die durch Auseinandersetzungen zwischen dem Papsttum in Rom und dem salischen Kaiserhaus geprägt war, ohne dass diese Ereignisse zunächst direkten Einfluss auf das neugegründete Kloster ausübten. Daneben kam es in Gestalt der cluniazensischen Klosterreform zu einer kirchlichen Erneuerungsbewegung, welcher auch Bischof Altmann nahestand. Jene neue Strömung motivierte den Bischof schließlich dazu, die Gründung eines Männerklosters – gelegen im Südosten des Spitzberges in Passau – voranzutreiben, die Augustiner-Chorherren sollten hier ansässig werden. Um das Überleben der Augustiner-Chorherren sicherzustellen, übereignete Bischof Altmann Land, weiteren Besitz sowie zugehörige grundherrliche Rechte, welche sogar die Niedergerichtsbarkeit einschlossen.

 

Doch sollte die anfangs so erfolgreich scheinende Neugründung alsbald durch die Wirren des Investiturstreites in Mitleidenschaft gezogen werden, da der Passauer Bischof treu auf Seiten des Papstes Gregor VII. stand. In der Folge sollten die Unterstützer von Papst und Bischof durch königliche Getreue verjagt werden, diese nahmen Passau bis zu Beginn der 1090er Jahre in Besitz. Erst unter Bischof Udalrich (1092–1121) konnten die Schäden der vorangegangenen Auseinandersetzung beseitigt und die finanzielle wie auch wirtschaftliche Lage des Klosters verbessert werden. Ist für das Kloster im Folgenden zwar ein langsamer, aber stetiger Aufwärtstrend zu beobachten, so musste Bischof Rüdiger von Passau dieses 1248 an die Herzöge von Bayern abgeben. Während also Passau selbst dem (Fürst-) Bischof unterstand, lag das Kloster fortan auf bayerischem Territorium. Jene etwas ungewöhnliche Konstellation sollte zu jahrhundertelangen Auseinandersetzungen zwischen den Bischöfen von Passau und den bayerischen Herzögen führen. Obwohl sogar das Reichskammergericht in Speyer zugunsten des Passauer Bischofs entschied, war dieser zu schwach, um seine Ansprüche gegen die übermächtigen Wittelsbacher durchsetzen zu können. Erst mit der Säkularisation des Jahres 1803 änderten sich die Zustände, allerdings nicht zum Guten: St. Nikola wurde aufgehoben.

 

Die folgenden Jahrzehnte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges verliefen für St. Nikola recht wechselhaft. So bestanden – allerdings nie realisierte Pläne – auf dem Gelände eine Porzellanfabrik einzurichten, zwischen 1809 und 1810 befand sich dort ein französisches Lazarett und im Anschluss bis zur Mitte der 1940er Jahre eine Kaserne. Parallel hierzu war zeitweise (1810 bis 1888) eine Brauerei dort untergebracht. Im Herbst 1944 nistete sich schließlich die SS ein, ab 1945 – nach Kriegsende – war hier ein Flüchtlingslager für 4.000 Vertriebene eingerichtet worden. Im August 1945 kamen schließlich die ersten Deutschordensschwestern nach Passau.

 

2. Die Deutschordensschwestern vor dem Zweiten Weltkrieg

 

Auch wenn die Geschichte des Deutschen Ordens bereits gut erforscht scheint, so ergeben sich bei genauerer Betrachtung noch einige sehr deutliche Lücken in der Ordensforschung. Diese betreffen vor allem die Ordensgeschichte ab der Frühen Neuzeit, insbesondere aber jene der Schwestern des Deutschen Ordens über sämtliche Epochengrenzen hinweg. So weiß die Forschung zwar, dass Adelheit von Taufers gemeinsam mit ihrem Gemahl Hugo das Spital zu Sterzing in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an den Deutschen Orden übergab und im Zuge dessen wenig später selbst in den Orden eintrat. Doch sind weitere Aufnahmen von Schwestern – bzw. entsprechende Institute – nicht nur für das Mittelalter, sondern gleichfalls darüber hinaus eher spärlich zu belegen.

 

Tatsächlich greifbar werden die Deutschordensschwestern erst wieder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als 1837 Barmherzige Schwestern in ein eigens für den Schwesternzweig neu gegründetes Kloster in Lana berufen wurden, wenngleich die Schwesternkongregation erst vier Jahre später errichtet wurde. Weitere Niederlassungen sollten z. B. in Freudenthal/Nordmähren (1841/1846) oder Engelsberg/Schlesien (1844) entstehen. Als geistlicher Leiter des wiedererstandenen Schwesterninstituts fungierte P. Peter Rigler, der nicht nur für die Schwestern, sondern für den gesamten Orden eine wichtige Rolle einnahm. Ursprünglich war der Schwesternzweig zum Zwecke der Hauskrankenpflege wie auch des Schuldienstes – hier insbesondere für Mädchen – gegründet worden. Die Tätigkeit der Ordensschwestern bestand somit überwiegend im Spitaldiensten – welcher nicht nur, aber vor allem während Kriegszeiten von Nöten war – so unter anderem in den Kriegen der Jahre 1859, 1864 und 1866. Auch während des Ersten Weltkriegs war die Hilfe des Deutschen Ordens auf dem Gebiet der Sanitätsdienste zwingend notwendig. Daneben wurde der Schuldienst gleichfalls aufrechterhalten.

 

Die Zwischenkriegsjahre bedeuteten für den gesamten Orden tiefgreifende Veränderungen, wurde doch dessen Besitz in den Nachfolgestaaten Jugoslawien und Tschechoslowakei von deren Regierungen unter Zwangsverwaltung gestellt. Während „auf diplomatischem Wege“ in den genannten Staaten wie auch in Italien mittels Verhandlungen der Deutsche Orden zumindest den Status als klerikaler Orden zugestanden bekam, konnte in Österreich zusätzlich die ritterliche Ausrichtung erhalten bleiben. Hoch- und Deutschmeister Erzherzog Eugen hatte seit 1923 die Umwandlung des ritterlichen Deutschen Ordens in ein ausschließlich klerikales Institut vorbereitet.

 

Eine wirkliche Ruhephase zur erneuten Konsolidierung war dem Deutschen Orden hingegen nicht vergönnt. Spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich war dieser existenziell bedroht. So wurde am 6. September 1938 rückwirkend zu Monatsbeginn die Auflösung des Deutschen Ordens und die Verstaatlichung von dessen Besitz angeordnet. Selbiges Schicksal erfuhr der Orden auf tschechoslowakischem Gebiet, welches die Besitzungen in Böhmen, Mähren und Schlesien miteinschloss. Durften die Schwestern in Friesach noch im Krankenhaus arbeiten – dessen Besitz war dem Land Kärnten zugeschlagen worden –, so wurden andernorts die Schwestern beispielsweise aus dem Schuldienst entlassen. Zur Sicherung des Fortbestandes der Gemeinschaft konnte ein Verein gegründet werden, wodurch die Fortführung der Arbeit im Pflegebereich möglich war. Schwestern, die tschechischer oder slowakischer Herkunft waren, wurden durch das Regime jedoch ausgewiesen. Diese gründeten im Protektorat Slowakei eine provisorische Provinz des Deutschen Ordens und waren weiterhin in der Pflege, in Kinderheimen oder in Pfarrhaushalten tätig. Auch die Ordenshäuser der Provinz Jugoslawien oder in Südtirol erfuhren ein ähnliches Schicksal.

 

3. „Die D. O. Schwestern waren in Bayern noch fast unbekannt“ – Passau ab Mai 1946

 

Mit dem Ende des Krieges 1945 keimte Hoffnung auf ein Fortführen der Arbeit an den bisherigen Wirkungsstätten auf. Diejenigen Schwestern, welche in der Tschechoslowakei tätig waren, sahen sich jedoch erheblichen Repressalien ausgesetzt, die schließlich in deren Vertreibung mündeten. Sie wurden in den süddeutschen Raum und nach Österreich vertrieben. Das Bestehen der dortigen Schwesternprovinz galt als gesichert, die nach Süddeutschland Vertriebenen wurden durch den Bischof von Passau aufgenommen. Heute noch erhaltene schriftliche Aufzeichnungen einiger Betroffener vermitteln eindrücklich, unter welchen Umständen die Deutschordensschwestern ums Überleben kämpfen mussten.

 

„Aufzeichnungen aus den Tagen der Filialgründung in Indersbach“ verraten über die Anfänge Folgendes: „Am 3. Mai 1946 landete nach glücklich überstandenen Strapazen der dritte Transport der D. O. Schwestern in Passau. In dem Lager dortselbst herrschte durch den Zuzug der 37 Schwestern reges Leben. Es galt nun, die vielen arbeitslos gewordenen Schwestern aus der ČSR ihrem Berufe zuzuführen. Das war für [die] wohlerw[ürdige] Provinzoberin S. Amata Grüner eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe. Die D. O. Schwestern waren in Bayern noch fast unbekannt und daher allem Mißtrauen von Seite[n] amtlicher Persönlichkeiten ausgesetzt.“ Neben der Versorgung der in St. Nikola untergebrachten 4.000 Flüchtlinge, wurden die Dienste der Schwestern bald auch außerhalb der Stadt benötigt, sei es im Bereich der Krankenpflege, als Sakristanin oder Lehrerin.

 

Die Aufzeichnungen berichten des Weiteren darüber, unter welchen Umständen die Schwestern ihr Leben vor Ort organisieren mussten, wie „die öffentliche Wirksamkeit“ und damit auch die gesellschaftliche Akzeptanz begann. Schnell wird deutlich, mit welcher Energie und Leidenschaft am Wiederaufbau gearbeitet wurde, der nicht nur gesellschaftliche Aspekte betraf, sondern auch die neue Heimat der Schwestern, St. Nikola. Bereits 1953 war es möglich, den Nord- und Ostflügel des Gebäudes zu erwerben, 1960 erfolgte die erneute Weihe der restaurierten Kirche. Aus den Erinnerungen von Sr. Mirjam (Provinzoberin 1992-2013) erfahren wir, dass „Ende der 50er Jahre […] die Sanierungsphase [begann], in der wir Schwestern zu Bauarbeitern, Maurern und Malern wurden. Wir bauten die Wände in den Arkaden des Klostergartens ab, wir legten mit den eigenen Händen die Carlone-Stuckdecken in den Räumen der früheren Dechantei frei, die von Stuckateuren des Doms Ende des 16. Jahrhunderts in St. Nikola geschaffen wurden. Dann wurden Wasser- und Heizungsanlagen installiert.“ Noch im selben Jahr wurde die Fachakademie für Sozialpädagogik gegründet, zur Mitte der 1960er Jahre folgte ein Kindergarten. Mit dem Zuschlag für die Stadt Passau vor Ort eine Universität zu etablieren, wurde zwischen 1976 und 1978 der westliche Außentrakt des Klostergebäudes umgebaut, am 9. Oktober 1978 wurde die Universität feierlich eröffnet.

 

Sr. Mirjam ist eine „Zeitzeugin der ersten Stunde“, sie kennt alle Entwicklungsschritte der Deutschordensschwestern in Passau aus eigener Erfahrung. Sie selbst spricht voll Bewunderung von Sr. Amata Grüner, der ersten Provinzoberin der Ordensschwestern. Sr. Amata gehörte zu den letzten Aussiedlern aus Troppau (Oppava/Tschechien), die auf Geheiß der amerikanischen Militärbesatzung nach Passau kommen sollten, um dort mit den bereits anwesenden Schwestern das Flüchtlingslager in St. Nikola weiter zu betreiben. Zu jenem Zeitpunkt war Sr. Amata bereits interniert gewesen. Als sie schließlich nach Passau kam, übernahm sie umgehend als Provinzoberin die Führungsrolle und damit Verantwortung vor Ort. Nach Sr. Mirjam wurde von ihr „trotz desolater Finanzen für die Kultur des Hauses und damit auch für Passau Entscheidendes geleistet.“

 

4. Erbe und Auftrag – Die Deutschordensschwestern in der Gegenwart

 

Bereits seit der Gründung des Deutschen Ordens 1190 vor Akkon lautet dessen Motto „Helfen und Heilen“. Es war stets ein Anliegen der Ordensmitglieder „Menschen in Ihren Nöten beizustehen und durch Werke der Barmherzigkeit Zeichen der Hoffnung zu schenken“, so S. E. Frank Bayard, 66. Hochmeister des Deutschen Ordens und Generalabt. Daran hat sich auch nach mehr als 835 (!) Jahren, zahlreichen Umbrüchen und Widrigkeiten nichts geändert. „Die Werke des Deutschen Ordens“ sind ein herausragendes Beispiel für jenes „Zeichen der Hoffnung“, welches von den Schwestern, Brüdern und Familiaren des Deutschen Ordens weitergegeben wird. Diese Werke finden sich in Österreich, Italien, Slowenien, der Slowakei, Deutschland sowie in Tschechien und umfassen Einrichtungen für folgende Bereiche: Pflege für alte, kranke und hilfsbedürftige Menschen sowie Menschen mit Behinderung, Kinder- und Jugendhilfe, Suchthilfe (medizinische Rehabilitation, Beratung und Vermittlung), Soziale Teilhabe, Seniorenzentren, Gästehäuser, Schüler-/Studentenheime, Kindergärten oder schulische Einrichtungen, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Von Beginn an leisten die Deutschordensschwestern hier einen für die Gesellschaft unschätzbar wichtigen Beitrag. Speziell in Passau äußert(e) sich dies in Form eines Alten- und Pflegebereiches für die Schwestern, einer Fachakademie für Sozialpädagogik, das Führen eines Kindergartens, eine tägliche Armenspeisung, den Unterhalt eines Schüler- und Studentenwohnheims sowie die Einrichtung eines Begegnungshauses in Langfurth. Die Hingabe, mit welcher sich die Passauer Schwestern gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern ihren Aufgaben wie auch dem Eingehen auf individuelle Bedürfnisse widmen, ist deutlich zu spüren. Der gesellschaftliche Mehrwehrt, der seit vielen Jahrzehnten von St. Nikola in Passau ausgeht, unterlag in den letzten Jahren strukturellen Veränderungen und verdient insgesamt höchste Anerkennung. Doch tragen die Schwestern ihre Werte nicht nur nach außen in die Gesellschaft hinein, vielmehr leben sie diese auch in der eigenen Gemeinschaft.

 

Sie hören zu, geben Halt, schenken Schutz und öffnen Räume der Hoffnung und dies alles getragen durch deren Glauben, den gemeinschaftlichen Zusammenhalt wie auch eine tiefe Beziehung zu Gott. Die Deutschordensschwestern bilden eine Gemeinschaft, die eben nicht nur sich selbst trägt, sondern vor allem jene, die auf ihre Fürsorge, Begleitung und gelebte Nächstenliebe angewiesen sind.

 

PD Dr. Katharina Kemmer FamOT

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