22.01.2010
Es ist wahrlich eine Geschichtsstunde mit schönen Dingen, die Besucher der Deutschordenskirche und des Frankfurter Ikonen-Museums derzeit erleben können: Zum 700-jährigen Jubiläum des gotischen Juwels auf der Sachsenhäuser Mainseite hat das Ikonenmuseum eine Ausstellung konzipiert, die den Weg vom „Kreuzzug zur Kaiserherberge“ nachzeichnet und auf höchst interessante Weise zeigt, wie die Kirche bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder Geschichte geschrieben hat. Wegen der großen Nachfrage wurde die Ausstellung jetzt verlängert bis zum 14. Februar 2010.
„Die Ausstellung lädt dazu ein, das historische Frankfurt neu zu entdecken und erzählt Geschichten von der geradezu „welthistorischen“ Bedeutung Sachsenhausens“, macht der Kurator der Ausstellung. Dr. Matthias Th. Kloft einen Besuch der Schau schmackhaft, die am Dienstag, 29. September, eröffnet wurde. Gezeigt werden hier Dokumente von hohem Rang, kirchliche Kunst, Goldschmiedewerke und kirchliche Gewänder, die die Ordens- und Kaisergeschichte der Deutschordenskirche wiederaufleben lassen.
Kloft, Kirchenhistoriker des Bistums Limburg und Pfarrer in Frankfurt, hat für die Ausstellung kostbare Stücke aus ganz Europa, aus Adelshäusern wie dem der Wittelsbacher und aus Sammlungen, zusammengetragen. Vieles fand sich auch im Frankfurter Historischen Museum und im Archiv der Kirche selbst, die am 29. September 1309 als Ordenskirche des „Deutschen Hauses zu Ehren der seligen Jungfrau“ geweiht worden war. Da gibt es amüsante Speisezettel, die wohl zum ersten Mal Bratwürste schriftlich nachweisen, aber auch das Wiener Original einer Urkunde, die schon 1193 erstmals den Namen Sachsenhausen zeigt, die so genannte „Sachsenhäuser Appellation“ aus dem 14. Jahrhundert, mit der die Unabhängigkeit des Kaisertums vom Papst postuliert wurde, eine Ablassurkunde von 1263, die beweist, dass hier schon eine Vorgängerkirche stand, oder 25 Kaisersiegel, die viel über die Herrscherideologie des Mittelalters aussagen.

Überhaupt die Kaiser: Die Deutschordenskommende, zu der traditionell Kirche, Wohnhaus und Hospital für Kranke und Alte zählten, war über die Jahrhunderte Niederlassung der deutschen Kaiser und Könige, wenn sie zur Krönung nach Frankfurt kamen. So sorgte etwa der Wittelsbacher Clemens August von Köln mit der Wahl seines Bruders Karl VII. für kaiserlichen Glanz „dribbdebach“: Bis zur prunkvollen Kaiserkrönung 1742 bezog er für drei Wochen Quartier in der Kommende.
Aber auch die Geschichte des Deutschen Ordens wird in der Ausstellung eindrucksvoll dokumentiert, ist der Stadtteil Sachsenhausen doch ohne den Orden nicht zu denken. Der Komplex mit gotischer Kirche und barocker Kommende fällt sofort ins Auge, wenn man von Frankfurt über die Alte Brücke auf die südliche Mainseite fährt. Die Anfänge liegen jedoch noch weiter zurück als die 700 Jahre alte Kirche vermuten lässt. Der Deutsche Orden, dessen Mitglieder sich nach einem ehemaligen deutschen Spital in Jerusalem „Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem“ nannten, wurde 1190 in Akkon gegründet. Zunächst verstanden sie sich als Spitalbruderschaft und seit 1198 auch als ritterliche Kampfgemeinschaft zum Schutz der Pilger im Heiligen Land. Nach Johannitern und Templern war der Deutsche Orden der dritte der großen geistlichen Ritterorden der Kreuzzugszeit.

In der Vorbereitung der Kreuzzüge schenkte Kaiser Friedrich II. den Frankfurtern 1219 nicht nur den Bauplatz für eine Jerusalem- und Santiago-Pilgerkirche, die heutige Kirche St. Leonhard am nördlichen Mainufer, er sorgte auch dafür, dass der zuerst im Heiligen Land aktive Ritterorden 1221 direkt an der „Hauptverkehrsstraße“ in Frankfurt eine seiner wichtigsten Niederlassungen erhielt. Der Deutsche Orden, für den Dienst an Armen und Kranken und den Glaubenskampf bestimmt, blieb auch in Frankfurt seinem Auftrag des Heilens und Helfens treu. Er unterhielt hier nicht nur ein eigenes Hospital, sondern versorgte auch die Jakobspilger in der Innenstadt im Compostell. Reiche Zuwendungen ermöglichten es dem Orden schließlich auch, hochgestellte Gäste wie Kaiser und Könige zu beherbergen.
In der wechselvollen Geschichte der Deutschordenskommende ist es schließlich dem Komtur Walter von Cronberg (1525-1543) zu verdanken, dass der Deutsche Orden vor dem Untergang im 16. Jahrhundert bewahrt werden konnte. Vom Kaiser erhielt er 1527 die Berechtigung, sich Administrator des Hochmeistertums zu nennen und damit den Besitzanspruch auf Preußen aufrechtzuerhalten. So konnte der Orden die Reformationszeit überstehen.
Am 4. Oktober 1943, beim ersten schweren Bombenangriff auf Frankfurt, brannte das Deutschordenshaus vollkommen aus. 1947 wurde zunächst die Kirche notdürftig saniert, 1963 dann komplett Aufgebaut und 1965 wieder eingeweiht. Heute ist die Deutschordenskirche eine der besterhaltenen gotischen Kirchen der Stadt. Im benachbarten Ordenshaus ist seit vielen Jahren das Frankfurter Ikonenmuseum untergebracht, das jetzt auch die Ausstellung „Vom Kreuzzug zur Kaiserherberge“ ausgerichtet hat.
Die Kirche selbst ist bis heute Pfarrkirche für Sachsenhausen und wird betrieben von Seelsorgern des Deutschen Ordens: „Das können wir auch noch viele Jahrzehnte leisten“, verspricht der derzeitige Pfarrer Pater Franz Samper, denn Nachwuchsprobleme kenne sein Orden nicht. (dw)